Süss- und Backwarenverpackungen: Süss verpackt, ist halb verführt

Welch wichtigen Einfluss Verpackungen auf die Entscheidung des Konsumenten am Point of Sale (PoS) haben, zeigt sich vortrefflich im Segment der Süss- und Backwaren. Markeninhaber und Verpackungsproduzenten übertreffen sich von Jahr zu Jahr mit neuen Produkt-, Geschmacks- oder Designideen. Denn, Abwechslung steht ganz oben auf der Wunschliste der Konsumenten.

Melanie Streich

 
Neue Vielfalt als Erfolgsfaktor – der deutsche Schokoladenhersteller RITTER SPORT hat das erkannt: «Bei den Schokoladenkonsumenten ist es ähnlich wie beim Weintrinker. Im Laufe des Lebens erfährt der Geschmack einen Reifeprozess. Entsprechend müssen wir dafür sorgen, dass unser Produkt spannend bleibt und dem Verbraucher eine grosse Bandbreite an Geschmacksvariationen anbieten. Schliesslich ist die bunte Vielfalt unser Markenkern», fasst RITTER SPORT Geschäftsführer und Supply-Chain Manager Asmus Wolff zusammen.
Food Pairing lautet ein Trend der Süsswarenbranche und meint damit die Kombination von unterschiedlichen Zutaten wie beispielsweise Schokolade mit Matcha und Cranberry, die multisensorische Geschmackserlebnisse beim Verzehr hervorrufen soll. Variationen von Texturen und Einschlüssen bei Süsswaren und Backwaren sowie verschiedene Verpackungsgrössen und -typen haben nicht nur zu einer grösseren Produktvielfalt im Supermarktregal geführt, sondern auch zu einem deutlich komplexeren Produktionsprozess. Süss- und Backwarenhersteller und Verpackungsspezialisten müssen folglich in der Lage sein, Konsumentenwünsche zu antizipieren und in die Produktionsplanung und Lieferung einzubeziehen. 
 
Verpackungsmaschinen im Süss- und Backwarensegment sollen dank moderner Softwareentwicklungen noch effizienter und intuitiver bedienbar werden. Bild: Theegarten-Pactec
 

Reaktionsschnell und anpassbar

Dafür braucht es moderne Technologien und Anlagen, die dem Anspruch an Smart Manufacturing gerecht werden. Bei zunehmender Produktvielfalt verkürzen sich die Lebenszyklen der Produkte und Losgrössen sinken. Demzufolge müssen Maschinen und Anlagen reaktionsschnell und flexibel sein. Gefragt sind kurze Umrüstzeiten, einfache Produkt-, Mengen- und Formatwechsel wie auch modulare Konzepte, mithilfe derer Produktions- und Verpackungslinien nach Bedarf neu kombiniert oder erweitert werden können. Mit einer kompletten Neuentwicklung wartet der Spezialist für Verpackungsmaschinen Theegarten-Pactec auf. «Die neue Verpackungsmaschine vereint zehn verschiedene Verpackungsarten in einem Erzeugnis und wird eine neue Benchmark im Bereich Primärverpackungen setzen», kündigt Marketing und PR-Chef bei Theegarten-Pactec Steffen Hamelmann an. «Durch den einfachen Austausch von für die jeweilige Verpackungsart spezifischen Modulen kann die Maschine leicht zwischen unterschiedlichen Einschlagarten umgestellt werden. Darüber hinaus erhöht die neu entwickelte Maschine auch die maximale Ausbringung deutlich: von etwa 1200 verpackten Produkten pro Minute auf 1800 Produkte pro Minute – immer in Abhängigkeit von Produktgrösse und Verpackungsstil.»
Erstmalig wird der Weltmarktführer im Segment der Primärverpackungen von kleinstückigen Süsswaren auf der interpack 2020 neue Pfade bestreiten und eine Lösung für das Sekundärverpacken vorstellen. Denn in der Vergangenheit hat die hohe Leistung der Maschinen oft zu Problemen an der Schnittstelle zur nachgelagerten Verpackung geführt. Die neue Anlage ist speziell für die direkte Anbindung an die Primärverpackungssysteme von Theegarten-Pactec konzipiert worden und soll so zu einer Effizienzsteigerung des Gesamtsystems aus Erst- und Zweitverpackung führen. 
Welche Herausforderungen der Wunsch der Konsumenten nach mehr Vielfalt bei der Fertigung mit sich bringt, weiss Ralf Schäffer, Vertriebsleiter und Mitglied der Geschäftsleitung beim Hersteller von Spezialmaschinen für die Süsswarenindustrie Sollich KG ganz genau. «Bei der Vielfalt der Süsswarenprodukte ist eine Serienfertigung der Maschinen fast nicht möglich. Die Herausforderung liegt darin, bei zunehmender Automatisierung und schnellem Wandel, flexibel zu bleiben», erklärt Schäffer. Kundenwünsche sowie die besonderen Anforderungen des Produktes werden beim Familienunternehmen Sollich berücksichtigt und können sogar in eine komplette Neukonstruktion münden. Gleichzeitig müssen kurze Lieferzeiten eingehalten werden.
 

Markt für Süsswarenmaschinen

Das Segment des Süsswarenmaschinenbaus zeichnet sich durch eine hohe Spezialisierung und erhebliches verfahrenstechnisches Know-how aus. Starke Schwankungen im Auslandsgeschäft sind für die Branche nicht ungewöhnlich, da es stark von Grossprojekten abhängig ist. 2018 lag das Gesamtvolumen der Süsswarenmaschinen im internationalen Aussenhandel laut Angaben des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbau e. V. (VDMA) bei 972 Millionen Euro. Führend im Exportgeschäft sind deutsche Anlagenhersteller. Sie besitzen 35 Prozent Marktanteil. Auf Platz zwei folgen die Niederlande mit einem Marktanteil von 16 Prozent und Italien liegt mit 14 Prozent auf Rang drei. 
 

Schutz und Hygiene

Ein Thema, das die Süsswaren- wie auch die Backwarenbranche nachhaltig prägt, sind sichere und hygienische Produktionsbedingungen. Unter dem Stichwort Hygienic Design werden Maschinen und Anlagen hinsichtlich der hohen Ansprüche an eine einwandfreie Herstellung und unter Einhaltung internationaler Normen und Richtlinien entwickelt. Hierbei werden insbesondere Ecken und Hohlräume bei der Konstruktion vermieden, in denen sich Produktreste, Mikroorganismen oder Schmutz ansammeln können. So wird der Reinigungsaufwand reduziert, Stillstandzeiten verkürzt und Materialverschwendung minimiert. Gleichzeitig nimmt die Produktivität der Anlagen zu. Sogenannte CIP (Cleaning in Place) Verfahren haben in den letzten Jahren an Popularität gewonnen. Spezielle CIP Sensoren melden hier, wann eine Maschine gereinigt werden muss. So können unnötig umfangreiche Reinigungsprozesse vermieden werden und dadurch Wasser, Reinigungsmittel und Energie und gleichzeitig Kosten eingespart werden.
Insbesondere bei Bäckereiwaren gelten strenge Hygienebedingungen. Denn Backwaren – und Brot im Speziellen – stellen einen idealen Nährboden für Schimmelpilze dar. Bildet sich Schimmel, handelt es sich immer um eine Rekontamination, da alle Backwaren den Backofen keimfrei verlassen. 
Durch spezielle Verfahren und die richtige Verpackung kann die Haltbarkeit von Backwaren verlängert werden, so dass industriell verpacktes Brot je nach Sorte bis zu drei Wochen haltbar wird. Grossbäckereien nutzen bei Kleingebäckarten wie vorgebackenen Brötchen den Atmosphärenaustausch in Schlauchverpackungen für eine verlängerte Haltbarkeit. Hierbei wird der Sauerstoffgehalt in der Verpackung durch sauerstofffreie Gase ersetzt. 
Ein anderes Verfahren ist die Pasteurisierung. Dabei wird über einen längeren Zeitraum die Backtemperatur im Ofen konstant bei 75 Grad Celsius gehalten. Bei diesem Vorgang kommen in der Regel handelsübliche Polyethylenbeutel mit Clipverschluss zur Anwendung. Dieser vermeidet zu starken Überdruck und dadurch ein Aufblähen des Beutels bei dem Pasteurisierprozess. Gleichzeitig ist er leicht zu öffnen und zu verschliessen. 
Die nachhaltige Herstellung und Verpackung von Süss- und Backwaren ist einer der Schwerpunkte, die alle Industrieteilnehmer weit oben auf ihre Agenda stellen. Denn angesichts des Bevölkerungswachstums auf fast 10 Milliarden Menschen im Jahr 2050 und der zunehmenden Klimaerwärmung, sind Lösungen dringend gefragt – und bereits vorhanden, wie auf der interpack 2020 zu sehen sein wird. 
 
 
www.interpack.de